Dirty Boxing

Boxen zur Selbstverteidigung – Dirty Boxing

Wenn wir ans Boxen denken, verbinden die allermeisten von uns damit den harten Vollkontaktsport. Ein Boxen als olympische Disziplin, in der die besten Amateure der Welt gegeneinander antreten. Das Profiboxen in dem für die Elite um Millionenbeträge geht.

Boxen bietet als Wettkampfsport eine gute Basis zur Selbstverteidigung. Aspekte wie ringerische Angriffe, Waffen, Achtsamkeit und rechtliche Grundlagen deckt der Boxsport jedoch nicht ab. Diese Lücken können durch Dirty Boxing, Stile die sich auf Straßenkampf spezialisiert haben, geschlossen werden.

You can play tennis, but you can`t play boxing!

Boxen ist ein Sport, in dem jeder Fehler fatale Wirkung nach sich ziehen kann. Er erfordert Härte und eine hervorragende, körperliche und geistige Konstitution. Intelligenz ist hier von Vorteil. Unentbehrlich ist der Wille zum Sieg und durchzuhalten. Das sprichwörtliche Kämpferherz ist ein entscheidender Faktor, der oft über Sieg und Niederlage entscheidet.

Zu sehen wie ein Kämpfer am Rande der Niederlage weitermacht. Sich weigert zu verlieren und aufzugeben und am Ende noch das Blatt im Ring wendet macht einen Teil der Faszination dieses harten Sports aus.

Diese Qualitäten machen einen Boxer zu einem harten Gegner, der sich konsequent seiner Haut wehrt und nicht so einfach aufgibt.

In diesem Beitrag gehen wir der Frage nach, inwieweit Boxen zur Selbstverteidigung geeignet ist, sehen uns historische Hintergründe und unterschiedliche Boxstile an.

Unter Dirty Boxing können wir grundsätzlich zwei Dinge verstehen:

  1. Das Integrieren von Straßenkampftechniken ins Boxen, um es zum Zweck der Selbstverteidigung zu optimieren.
  2. Das nicht regelkonforme  und somit unsportliche Verhalten im Ring. Dazu wird neben offensichtlichen Fouls, mit Techniken an der Grenze des Erlaubten und versteckten von außen kaum sichtbaren Gemeinheiten gearbeitet. Dazu gehören Schläge auf die Hüfte, Einsatz des Ellbogens beim Aufwärtshaken im Infight, Schläge mit der Innenhand und wiederholte Angriffe auf die Arme, um diese zusätzlich zu ermüden. Offensichtliche Regelverstöße wären beispielsweise Kopfstöße, Tiefschläge oder Klammern. Auch das bewährte im Handschuh versteckte Hufeisen gehört dazu. Vielleicht kennst du die Filmszene mit Charlie Chaplin? 😉

Definition Boxen

Eine offizielle allgemein gültige Definition des Boxens lässt, sich wie beim Begriff Sport nicht finden.

Einigen wir uns darauf, dass wir unter Boxen in der Folge, jede Art des Kämpfens verstehen die auch Fäuste zum Schlagen einsetzt.

Ein Gespräch mit einem lokalen Boxtrainer hat mir eines gezeigt. Das klassische Bild vom geistig einfach gestrickten Boxer kann auch hin und wieder zutreffen. ,-) Für den Kollegen war Boxen, das was er betreibt und wie er es von seinen Trainern gelernt hat und das offenbar ausschließlich. Der Autor dieser Zeilen und Gesprächspartner des „Experten“ sieht das naturgemäß anders.

Ein nicht unwesentlicher Teil unseres Trainings in der Escrima Training Federation widmen wir dem Pinoy Boxing. Eine Art des Boxens mit einem historisch und technisch völlig anderem Hintergrund als das westliche Boxen. Auch ist das Regelwerk unter dem wir trainieren, ein völlig anderes und der Zweck des Trainings nicht für sportliche Zwecke ausgerichtet.

Es ist sozusagen eine Art – schmutziges Boxen also Dirty Boxing, weil es Dinge trainiert, die im Ring (Queensberry rules) verboten und verpönt wären. Nichtsdestotrotz waren Vertreter des Pinoy Boxens auch im Profiboxring sehr erfolgreich.

Queensberry Regeln:

  1. Das Tragen von Boxhandschuhen,
  2. Das Anzählen bis Zehn nach einem erfogten Niederschlagen.
  3. Rundenzeiten von drei Minuten.(mit einminütiger Pause)

Welche Stile eignen sich fürs Dirty Boxing?

Diese Stile sind für die Selbstverteidigung, den „Straßenkampf“ also, geeignet und optimiert. Das bedeutet das Training orientiert sich nicht an den Regeln des Boxsports.

Pinoy Boxen

Das Boxen der Filipinos, die sich selbst als Pinoys bezeichnen. Die Wurzeln des Pinoy Boxens liegen in bewaffneten Auseinandersetzungen. Hier wurden also fechterische Konzepte und Bewegungsmuster, die aus dem Waffenkampf stammen ins Waffenlose übersetzt. Das betrifft beispielsweise die Beinarbeit, Schlagschule aber auch Strategie und Taktik.

In den 30er Jahren waren die Pinoys außerordentlich erfolgreich in den Profiboxringen der USA. Da die Kämpfe sehr oft im Nahkampf ausgetragen wurden und für die Zuschauer weniger attraktiv wurden, trotz der hohen knock out Quoten wurden die Regeln im Ring modifiziert, um dem entgegenzuwirken.

Der wohl bekannteste Pinoy Boxer ist heute Manny Pacquiao. Inwieweit die alten Konzepte in seinem Stil noch verankert sind ist allerdings umstritten.

Das Pinoy Boxen entwickelte sich als die Filipinos mit US Soldaten und dem westlichen Boxen in Berührung kamen. Die Filipinos ein kämpferisches Volk begannen ihr Wissen, vom Waffenkampf in den Boxsport zu integrieren. So entstand mit der Zeit ein völlig eigenständiger Stil. Das Pinoy Boxen verfügt über eigenständige Schrittarbeit, Schlagschule und Konzepte.

Da die waffenlosen Techniken in den FMA aus dem bewaffneten Kampf abgeleitet wurden und ursprünglich nicht dem Sport, sondern dem eigenen Überleben dienten, verfügen sie über sehr wirksame „unsportliche“ Konzepte. So sind Gleichgewichtsbrüche, die auch über die sehr spezielle Schlagschule ausgelöst werden, ein fixer Bestandteil dieser Art zu Kämpfen.

Du siehst hier eine völlig andere Konzeption des Boxens, als beim westlichen Boxen. Auf diesem Seminar Mitschnitt ist Bernd Schubert ein direkter Schüler von Rene Latosa zu sehen. Das Pinoy Boxen wird als Trainingsmethode verwendet. Es wird mit Boxhandschuhen trainiert, um sicher mit mehr Druck üben zu können.

Trainiert wird aber nicht für den Ring, sondern für den Ernstfall.

Es ist eine Methode die Sicherheitskräften hilft ihren Job zu machen, und auch zur Selbstverteidigung hervorragend geeignet ist.

Wichtig zu verstehen ist, dass hier nicht mit Drills, sondern mit viel Sparring trainiert wird. Es geht darum mit Schlägen, aber auch jeder anderen Art von Angriffen umzugehen zu lernen. So ist ein fixer Bestandteil des Trainings, immer wieder mal mit Tritten und ringerischen Angriffen konfrontiert zu werden.

Praxistaugliche Fähigkeiten lassen sich nur über Sparring sinnvoll trainieren. Tote Drills, in denen weder Beinarbeit, Timing, Distanz und Umgang mit Druck geübt wird sind dafür nicht ausreichend.

Das ist auch der Grund warum Kampfsportler oftmals zu den Angstgegnern von Kampfkünstlern gehören.

Die Kampfsportler mögen zwar nur ihren Sport mit Regeln trainieren, das können sie aber dann verdammt gut.

Weil sie ihr Training entsprechend ausrichten. Abhängig vom Regelwerk des jeweiligen Sports, werden bestimmte Aspekte, die zur Selbstverteidigung gehören allerdings nicht trainiert und das kann dann zum Problem werden. Weiter unten sehen wir uns die „Schwächen“ des Boxers an. Schwächen unter Anführungszeichen. Boxer sind absolut ernst zu nehmende Gegner. Missinterpretiert mich bloß nicht! 😉

Rene Latosa möchte ich euch nicht vorenthalten. Rene war mehrere Jahre US Army Schwergewichtschampion im Boxen. „Boxen“ im westlichen Sinne hat er nie gelernt. Stattdessen waffenloses Escrima in Stockton Kalifornien.

Panantukan – Suntukan

Wie in dem Video erklärt: Vorsicht bei der Art zu trainieren.

So verlockend es sein kann Drills abzuspulen, so groß ist auch die Gefahr sich darin zu verlieren.

Drills eignen sich dazu möglichst schnell viele Wiederholungen bestimmter Bewegungsmuster abzuspulen und diese zu festigen. Sie eignen sich auch dazu die Fähigkeiten auf einem gewissen Stand zu halten. Sie sind aber kein Allheilmittel und können durchaus schädlich für die kämpferische Entwicklung sein. Sparring ist ein unersetzliches Trainingstool um anwendbare Fähigkeiten zu entwickeln.

Wer nicht regelmäßig frei sparrt lernt ganz bestimmt nicht zu kämpfen. Drills sind dafür kein Ersatz!

Ist Panantukan effektiv?

Ich persönlich bin skeptisch gegenüber dem, was ich bislang unter dem Oberbegriff Panantukan zu sehen bekommen habe. Das hatte ganz bestimmt guten Unterhaltungswert und war als Koordinationstraining sehr gut geeignet. Es stellt sich aber immer die Frage.

Was bleibt letztendlich in einem Kampf davon über und was ist dann noch umsetzbar?

Die Antwort auf die Frage ist meistens sehr wenig. Feinkoordinative Bewegungen ganz bestimmt nicht. Das kann jeder sehen, der sich diverse Schlägereien, aber auch Box- und MMA Kämpfe ansieht.

Aus meiner Erfahrung lehne ich ebenfalls „Selbstfalltechniken“ ab, die mit hohem Risiko verbunden sind, wenn sie nicht gelingen, dafür aber sehr erfolgversprechend, wenn sie funktionieren.

Ich habe hier oft Eingänge gesehen, die gegen trainierte Leute kaum funktionieren und sollten sie misslingen, äußerst riskant sind.

  • Wieso übt man soetwas?
  • Vorgehensweisen, die hoffentlich funktionieren, weil der Gegner wenig bis keinen Plan hat?
  • Die aber mit hoher Wahrscheinlichkeit voll in die Hose gehen, wenn er weiß was er tut und nicht überrascht wird.

Das erinnert mit an die Universallösung im WT.  Gerade rein gehen mit Kettenfausstößen und Frontkick. Funktioniert bestens, wenn das Gegenüber untrainiert ist. Ist er das nicht, geht die Aktion mit hoher Wahrscheinlichkeit voll daneben. Mehrere Wtler haben das, bei mir nichtsdestotrotz schon im Training probiert. Ich war mit den Ergebnissen dieser Aktionen mehr als zufrieden. 😉

Finales Ziel muss immer sein, diese Techniken im Sparring und noch schwerer, im Kampf anwenden zu können.

Vorausgesetzt man möchte das. Wie groß die Gruppe derjenigen im Vergleich zu denen die nur spielen wollen ist, ist schwer zu sagen.

Manche Abläufe sind möglicherweise zu verspielt und kompliziert, um dann noch umsetzbar zu sein.

Deshalb hinterfrage immer was du da übst, sollte Anwendbarkeit ein vorrangiges Ziel in deinem Training sein.

Ich sage es hier ganz klar: Wer „Selbstverteidigung“ verkauft, sollte genau das anbieten. Die Lehrer stehen in der Verantwortung den Unterricht so zu gestalten, dass die Schüler bestmöglich unterrichtet werden. Leider steht vielfach der Unterhaltungsaspekt im Vordergrund. Das zieht mehr Kunden an, keine Frage. Aber: Ist es das was der Schüler wirklich gesucht hat?

Panantukan wurde von Dan Inosanto, einem der Trainingspartnern von Bruce Lee in den USA bekannt gemacht.

Cadena de Mano

Die Ursprünge des Cadena de Mano, entstammen Messertechniken. Das führt zu einer völlig anderen Herangehensweise an den Kampf, als das westliche Boxen. So wird „Messer“ gedacht, auch wenn real keines vorhanden ist. Das führt zu speziellen Techniken und Strategien, die sich als überraschend wirksam und höchst unangenehm erweisen.

Das Pinoy Boxen ist  mit  dem Cadena de Mano eng verknüpft.

Bare Knuckle Boxing

Der westliche Boxsport ist von arbeitslos gewordenen Fechtlehrern begründet worden. Als bekanntester Vertreter gilt James Figg. Ursprünglich wurden die Kämpfe mit der bloßen Hand, ohne Boxhandschuhe also ausgetragen. Ursprünglich waren die Regeln sehr locker. Sogar Kopfstöße, Fingerstiche, Würfe und Ringen waren erlaubt und Teil dieser Auseinandersetzungen.

Das Klischee des Bare Knuckle Boxens als Gentlemen Sport, wird in vielen Sherlock Holmes Filmen bedient.

Mittlerweile ist Bare Knuckle Boxen ein Sport, an dem auch viele Boxer, die aus dem Boxsport stammen teilnehmen. Das was wir heute an Bare Knuckle Boxen sehen, dürfte technisch nicht mehr allzuviel mit dem historischen Vorgänger zu tun haben. Das liegt an den sehr klaren Regeln, wenn man von privaten Hinterhofkämpfen absieht und daran, dass zunehmend gelernte Boxer an diesen Kämpfen teilnehmen.

Das bare Knuckle Boxing erlebt heutzutage ein Revival und es gibt Bestrebungen diesen Sport wieder salonfähig zu machen. Weg von den Hinterhöfen und „Underground Events“, in Tiefgaragen und abgelegenen Orten, abseits der Öffentlichkeit, hin zum allgemein anerkannten Sport.

Abhängig von den jeweils vereinbarten Regeln kann das Bare Knuckle Boxen mitunter dem, was man unter Dirty Boxing verstehen kann, schon sehr nahe kommen. In Irland gilt das Bare Knuckle Boxen als eine Art Volkssport. Ein sehr harter, blutiger allerdings.

Bobby Gun hat sich auch im regulären Ring gegen Weltklasseboxer bewährt. So ist er auch mit Roy Jones Jr., einem der besten Boxer aller Zeiten im Ring gestanden.

Bare Knuckle Boxing-Boxen ohne Handschuhe-Brutaler Trend

Dirty Boxing vs. Boxsport

Unter Dirty Boxing können wir boxerischen Kampf verstehen, der nicht mit dem modernen Boxregelwerk vereinbar ist. Das kann auch durchaus sportlich trainiert werden und hat mitunter einen hohen Wert für die Selbstverteidigung.

Nun ist das sportliche Boxen ein Sport, der grundlegende Fähigkeiten, die in einer unbewaffneten Auseinandersetzung hilfreich sind, in einem hohen Maße schult. Zu nennen wären da Fähigkeiten, wie Schlagkraft, die Fähigkeit Schlägen auszuweichen und sie zu meiden, sowie eine grundlegende Härte und körperliche Fitness.

Wer glaubt möglichst viele Techniken wären hilfreich, um erfolgreich Kämpfen zu lernen wird beim Boxen eines Besseren belehrt.

Je nach Zählart werden im Boxen lediglich eine handvoll Schläge unterschieden.

Dazu Schittarbeit, Meidbewegungen, Taktik und Strategie. Mehr braucht es nicht. Wer glaubt das wäre leicht zu lernen irrt.

It is simple, but not easy.

Wie so oft liegt der Hund im Detail begraben. Diese Feinheiten machen dann die Unterschiede zwischen schlecht, gut und Weltklasse aus und zwischen Sieg und Niederlage.

Die Grenzen des sportlichen Boxens

Obwohl der Boxsport hervorragend geeignet ist Grundlagen zur erfolgreichen Selbstverteidigung zu legen, deckt er manche Bereich nicht ab. Spätestens nach den Vergleichskämpfen zwischen Boxern und Ringern und den ersten UFC Kämpfen wurde das offensichtlich.

Sobald es Vertretern ringerischer Stile, gelingt in die Nahdistanz zu kommen, den Boxer zu greifen und zu Boden zu bringen, ist dieser so gut wie chancenlos.

Dem britischen Boxtrainer Fran Sands zu Folge, eignen sich 10 bis 20 Prozent der im Boxen gelernten Inhalte fürs MMA. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 80 bis 90 Prozent der Inhalte gegen Ringer nicht funktionieren.

Ringerische Angriffe und Rangeln kommen aber auf der „Straße“ häufig vor. Vor allem dann, wenn versucht wird gegen Schläge anzukommen, wird instinktiv versucht nahe an den Gegner ran zu kommen und zu klammern, um den Schlägen die Wirkung zu nehmen.

Lässt der Boxer das zu, hat er seine größten Vorteile verspielt.

Bob and Weave, also (große) Meidbewegungen bergen ebenso eine große Gefahr, wenn der Gegner Tritte und Knietechniken einsetzt. Aus diesem Grund sind diese großen Meidbewegungen in den Mixed Martial Arts kaum zu sehen.

Boxen zur Selbstverteidigung?

Welche Möglichkeiten gibt es also die Lücken zu schließen die das sportliche Boxen aufweist? Wie oben beschrieben, stellen ringerische Angriffe für Boxer große Probleme dar. Mit Tritten umzugehen kann der Boxer auf gutem Niveau schnell lernen, wenn er sich dem widmet.

Er verfügt über gute Beinarbeit und Distanzgefühl und wird sich relativ schnell auf Tritte einstellen können. Als Referenz nehmen wir aber keine Weltklasse Kick- und Thaiboxer, sondern Durchschnittsbürger, die mehr oder weniger geschickt treten.

Das Thema Waffen beleuchten wir an dieser Stelle nicht.

Klar ist:

Wer nicht selbst regelmäßig mit Waffen trainiert, hat im Ernstfall gegen sie kaum eine Chance.

Selbstverteidigung und Boxen

  • Boxen bietet hervorragende Grundlagen, was Distanzgefühl, Schlaghärte, Fitness und Kampfgeist angeht.
  • Probleme mit Ringern. Ringer können das Boxen unwirksam machen, wenn sie es unbeschadet in die mittlere und nahe Distanz schaffen. Die Chancen für Ringer stehen dabei besser als die des Boxers.
  • Es fehlen: Waffen, Szenariotrainings und taktische Konzepte für die Selbstverteidigung.

Dirty Boxing wie trainieren?

Es gibt einige Stile die sich auf Dirty Boxing oder Street Boxing spezialisiert haben, mit dem Ziel besonders tauglich für die Selbstverteidigung zu sein. Dabei gibt es so einiges zu beachten.

Die Schwächen des Boxsportes müssen weitestgehend kompensiert werden. Hier gilt es vor allem mit ringerischen Angriffen besser klar zu kommen. Wir reden hier von Fähigkeiten, die helfen eine ungeregelte Schlägerei und Rauferei zu überstehen.

Wir reden nicht davon einen gut trainierten Ringer am Takedown zu hindern. Das ist nur äußerst schwer machbar, wenn überhaupt. Es gibt genug Leute die der Meinung sind es wäre gar nicht möglich. Letztendlich wird es immer von der Situation und den Fähigkeiten der Kontrahenten abhängen.

Was „Sportler“ aber nicht übersehen sollten ist, dass es Leute gibt die nicht sportlich denken und die jedes Mittel einsetzen werden das ihnen zur Verfügung steht, um diese Angriffe zu überstehen und zu gewinnen.

Das beinhaltet auch den Einsatz von Waffen. Ein ernsthafter Wurfversuch stellt einen Angriff aufs Leben dar. Niemand ist verpflichtet in einer Notwehrsituation nach sportlichen Gesichtspunkten zu handeln.

Ein Beispiel zur Gefährlichkeit von Ringern:  Dieser oder ein ähnlicher Wurf auf hartem Untergrund ausgeführt, führt zu schwersten Verletzungen, wenn nicht gleich zum Genickbruch.

Einige Konzepte im Dirty Boxing

Destructions: Hier ist das Ziel ankommende Schläge mit Ellenbogen, aber auch dem harten massiven Teil des Schädelknochens abzuwehren und die gegnerische Faust zu brechen. Die ungeschützte Hand ist sehr anfällig für Verletzungen. Deshalb müssen Schläge sehr zielgenau und dosiert eingesetzt werden, um sich nicht selbst zu verletzen.

Diese Limb Destructions sind praktisch aber aus mehreren Gründen schwer umzusetzen:

  • Du musst die entsprechenden Nerven dazu haben. In einer Schlägerei für den Eigenschutz zu sorgen und selbst anzugreifen, ist für gewöhnlich mehr als genug um ausgelastet zu sein.
  • Du wirst es nur gegen plump angreifende Gegner hinbekommen. Wenn es geschieht, dann ist eher der Zufall im Spiel als Können.
  • Konzepte aus dem Waffenkampf, wie sie auch beim Gunting verwendet werden, sind ohne Waffe deutlich weniger wirksam. So kann zum Beispiel ein Schlag auf den Bizeps des Gegners Wirkung haben, ob das allerdings ausreicht bleibt zweifelhaft. Was mit einer Klinge kampfentscheidend gewesen wäre, ist es waffenlos noch lange nicht. Es ist sinnvoller sich auf andere Ziele zu beschränken.

Gunting:

Fingerstiche: Fingerstiche sind ein Klassiker in diversen Kampfkünsten. Sie sind nur im äußersten Notfall, moralisch und juristisch vertretbar und können zu schwersten Verletzungen führen.

Nervendruckpunkte: Diese können angegriffen werden, um sich aus Griffen und Umklammerungen zu befreien. Das bedarf aber sehr viel Übung und Praxis, sonst wird es mit Sicherheit nicht funktionieren.

Es funktioniert, daran habe ich keinerlei Zweifel, aber es sind Fähigkeiten, die du trainieren musst und die erst wirksam werden, wenn sie zusätzlich zu schon vorhandenen kämpferischen Fähigkeiten eingesetzt werden.

Vitalpunkte und Nervendruckpunkte im Kampf nutzen.

Angriffe auf das Gleichgewicht der Gegners: Dies kann auf unterschiedlichste Arten geschehen. Ringer machen es grundsätzlich. Es lässt sich aber auch ins Schlagen integrieren. Die FMA nutzen dazu unter anderem sogenannte Slides.

Crash Cover

Einige Systeme lehren den Kopf mit beiden Armen, bei hoch erhobenen Ellenbogen zu decken und den Gegner zu rammen. Gegnerische Schläge zum Kopf können so kaum landen und die Wahrscheinlichkeit einer Handverletzung bei Schlägen mit der Faust auf diese Art der Deckung ist sehr hoch.

Die Nachteile sind, der Körper ist weitgehend ungeschützt und ein geradliniges vor gehen ist immer riskant. Da der Gegner, wenn er sich nur ein klein wenig zur Seite bewegt, einen großen Vorteil erzielt.

Mir persönliche wäre das Risiko zu groß. Es gilt aber auch hier wie immer – wenn du gut genug bist und es hin bekommst, mach es. Sei dir allerdings der Risiken bewusst, falls es nicht gelingt, denn dann bist du sehr wahrscheinlich in einer sehr ungünstigen Lage.

Vorsicht vor Fehleinschätzungen

Wir sollten nicht den Denkfehler begehen, zu glauben „unsportliche Techniken“ wären ein entscheidender Vorteil in einer Auseinandersetzung. Diesem Fehlschluss unterliegt ja schon so mancher Kampfkünster, der meint mit seinen tödlichen Techniken sofort einen Kampf entscheiden zu können.

Diese Ansichten sind naiv und halten einer realistischen Betrachtung nicht stand. So sind zum Beispiel (Handkanten) Schläge auf Hals und Kehlkopf bei einem vorbereiteten Gegner kaum anzubringen und werden häufig in ihrer Wirkung maßlos überschätzt.

Es stimmt, dass diese Schläge potentiell tödlich sein können. Allerdings mit der nötigen Wucht zielgenau zu treffen, bei jemandem der sich gut schützt und selbst angreift ist höchst unwahrscheinlich. Oft lassen diese Angriffe den Ausführenden selbst ungeschützt. Er ist dann prädestiniert für schwere Kontertreffer.

Wie solltest du also trainieren?

Das bedeutet ein möglichst hohes Niveau von sportlichen Fähigkeiten, gekoppelt mit Dirty Boxing machen die Sachen richtig effizient in Notwehrsituationen. Schmutzige Tricks allein reichen seltenst aus einen entscheidenden Vorteil zu generieren, wenn die nötige kämpferische Routine fehlt.

So schön also auch Destructions und Gunting in der Theorie sein mögen, so schwer ist es auch diese Konzepte dann auch gezielt anzuwenden.

Fazit – Dirty Boxing

Der Boxsport bildet hervorragende Grundlagen zur waffenlosen Selbstverteidigung aus. Wie jeder Sport unterliegt er aber gewissen Regeln, die in Notsituationen nicht  gelten. Vor allem gute ringerische Angriffe stellen für Boxer häufig große Probleme dar. Dessen muss er sich bewusst werden und entsprechend trainieren.

Du kannst also selbst ringerische Grundlagen erlernen, oder auch andere Konzepte verwenden.

Grundsätzlich gilt immer:

Never box a boxer, never wrestle a wrestler.

Stile die sich aufs Dirty Boxing spezialisiert haben, können hier Ideen und Konzepte liefern. Vorsicht allerdings vor allzu verspielten Trainingsmethoden. Diese neigen oft dazu unrealistische Techniken und Konzepte zu trainieren.

Ein weitere wesentlicher Aspekt ist das Schlagen ohne Handschuhe. Handschuhe dienen in erster Linie dazu die Faust zu schützen. Ohne Handschuhe besteht ein beträchtliches Risiko von Handverletzungen beim Schlagen.

Deshalb sind Schläge mit der offenen Hand, bzw. sehr gezielte und dosierte Schläge ein wichtiger Faktor im Dirty Boxing.

Was jeder Kampfkünstler und zum Zweck der Selbstverteidigung Trainierende betreiben muss ist zielgerichtetes Sparring. Ohne diese Training wirst du dir kaum anwendbare Fähigkeiten aneignen können.

Weiterführende Informationen und Training:

  • Falls du daran interessiert bist, fundiertes Training im Pinoy Boxen und Cadena de Mano zu erhalten, kannst du dich hier informieren.
  • Trainingsgruppen für unbescholtene, nicht einschlägig vorbestrafte Interessenten. 😉