Vitalpunkte im Kampf nutzen

Nervendruckpunkte und Vitalpunkte im Kampf nutzen

In einer Notwehrsituation sich durch gezielte Angriffe auf Vitalpunkte des menschlichen Körpers retten? Auch gegen wesentlich stärkere Gegner? Ist das möglich und wie realistisch ist die Umsetzung?

Vitalpunkte und Nervendruckpunkte haben eine wichtige Bedeutung in Kampfkünsten und Medizin. In Selbstverteidigungssituationen können gezielte Treffer auf Schwachpunkte einen Kampf schnell beenden. Allerdings ist das in der Praxis wesentlich schwerer umzusetzen, als in der Theorie.

Sehen wir uns an, welche Vital- und Nervendruckpunkte es gibt, welche Wirkung Angriffe auf sie haben können und die alles entscheidende Frage:

Wie wahrscheinlich ist es diese empfindlichen Stellen des menschlichen Körpers im Kampf auch zu treffen?

Was sind Vitalpunkte?

Vitalpunkte sind empfindliche Stellen, die über den ganzen menschlichen Körper verteilt sind. Durch gezielte Krafteinwirkung auf diese Punkte können körperliche Reaktionen hervorgerufen werden. So können gezielt Schmerzreize gesetzt, Nerven zeitweilig „gelähmt“ und eine Bewusstlosigkeit/Ohnmacht oder gar der Tod verursacht werden. Der Umgang mit dem Wissen um viele diese Punkte war traditionell geheim, aufgrund des möglichen Missbrauches dieses Wissens.

In vielen Kampfkünsten waren die Meister Ärzte oder Heiler, die ihr Wissen zur Gesunderhaltung aber auch für den Kampf genutzt haben.

Zu den Vitalpunkten zählen:

  • Blutgefäße: Eine Unterbrechung der Blutzufuhr führt zur Ohnmacht und im schlimmsten Fall zum Tod. Die Blutzufuhr zum Gehirn kann über bestimmte Würgetechniken unterbrochen werden. Dadurch wird binnen kürzester Zeit, oft reichen 3 bis 4 Sekunden aus, ein Bewusstseinsverlust erreicht. Es gibt sogenannte „Luftwürgetechniken„, da wird die Sauerstoffversorgung zum Gehirn unterbrochen und die „Blutwürgetechniken“ in denen die Blutzufuhr betroffen ist. Diese Techniken werden in vielen Kampfsportarten und Kampfkünsten eingesetzt. Am bekanntesten ist derzeit wohl das Brasilian Jiu Jitsu.
  • Nervendruckpunkte: Durch gezielte Krafteinwirkungen auf Nerven, die im menschlichen Körper verlaufen, können Schmerzen und zeitweilige Lähmungen erreicht werden. Der lähmende Effekt der Low Kicks, wie sie im Thai Boxen verwendet werden lässt sich darauf zurückführen. Das Schienbein trifft Muskel und Nerven des gegnerischen Beins und verursacht mit der nötigen Wucht, einen zeitweiligen Totalausfall des getroffenen Beines.
  • Sehnen und Muskelansätze: Sind ebenfalls sehr schmerzempfindlich. Es soll Experten geben, die ihre Griffkraft derart trainiert haben, dass sie ihren Gegnern Sehnen und Muskelabrisse zufügen können. Wer schon einmal von einem Meister seines Faches an entsprechenden Stellen angegriffen wurde, weiß wie effektiv und schmerzhaft schon relativ geringe Gewalteinwirkung an diesen Stellen sein kann.
  • Klassische K. o. Punkte: Diese sind fast jedem Kampfsportler und an Kampfsport interessierten bekannt. Diese Stellen des menschlichen Körpers mit der nötigen Wucht angegriffen führen zu einer sofortigen Kampfunfähigkeit. Mehr zum Thema: So schlägst du deinen Gegner im Boxen K. o.
  • Besonders sensible Stellen des Körpers: Schläge auf den Kehlkopf und Hals können tödlich sein. Sie sind nur im absoluten Notfall zu rechtfertigen.

Die klassischen K. o. Punkte:

  • Leber: Die Leber liegt auf der rechten Körperseite. Sie ist anatomisch gesehen, kaum durch Muskulatur und die Rippen geschützt. Schläge oder Tritte auf die Leber sind äußerst schmerzhaft und führen, hart genug ausgeführt, zur Kampfunfähigkeit des Getroffenen.
  • Kurze Rippen: Die kurzen Rippen sind weitgehend ungeschützt und können leicht brechen. Gutes Deckungsverhalten ist die einzige Möglichkeit sie zu schützen.
  • Solar Plexus: Der Solar Plexus liegt unter dem Brustbein. Er wird auch Sonnengeflecht genannt. Hier laufen unzählige Nerven zusammen. Treffer sind sehr schmerzhaft und rauben dir die Luft.
  • Die Schläfen: Ein Treffer auf die Schläfe kann nicht nur zum K.o., sondern auch zum Tod führen. Der Schädelknochen an dieser Stelle ist besonders dünn.
  • Das Kinn: Treffer am Kinn führen zu einer starken Erschütterung des Gehirns. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit das Bewusstsein zu verlieren.
  • Nieren: Im Sport sind Angriffe auf die Nieren nicht erlaubt, aufgrund der Gefährlichkeit dieser Technik. Die Nieren sind praktisch ungeschützt.

Der Genitalbereich ist ebenfalls sehr empfindlich. Allerdings sollte die Schlagwirkung nicht überschätzt werden. Unter einem hohen Adrenalinspiegel müssen Treffer im Genitalbereich keineswegs zum sofortigen Kampfende führen.

Wirken Angriffe auf Nervendruck und Vitalpunkte bei allen Menschen gleich?

Definitiv nicht. Jeder Mensch reagiert unterschiedlich.

Jeder Mensch und jeder Körper ist verschieden. Wenn, dem nicht so wäre, hätten wir alle die gleichen Krankheiten und Beschwerden und wären alle mit den gleichen Methoden zu kurieren. Vital- und Nervendruckpunkte spielen in der traditionellen chinesischen Medizin traditionell eine herausragende Rolle. Akupressur und Akupunktur Techniken, die ja erwiesenermaßen funktionieren basieren auf der Kenntnis dieser Punkte.

Wer sich im Training mit den Nervendruckpunkten beschäftigt, kommt schnell zu der Erkenntnis, dass jeder anders reagiert. Während der eine schon sein Gesicht mit Schmerz verzerrt, sieht einen ein anderer gelangweilt an, während man versucht den richtigen Punkt zu erwischen.

Auch die Holzhammermethode, beim Versuch jemanden K. o. zu schlagen, funktioniert nicht immer bei jedem gleich. Nicht umsonst spricht man beim Boxsport, von gutem Kinn und Glaskinn. Manche Gegner fallen leichter um als andere, wie die Erfahrung lehrt.

Am sichersten funktionieren Würgetechniken, die die Luft- oder noch effektiver, die Blutzufuhr zum Gehirn unterbrechen. Hier gibt es kaum noch Unterschiede in den Auswirkungen der angewandten Techniken. Die nächst beste Methode ist, wie es die Vollkontaktkampfsportler versuchen, mit maximaler Kraft, empfindliche Stellen zu treffen.

Angriffe auf besonders empfindliche, anatomisch ungeschützte Stellen führen, wenn sie hart getroffen wurden, ebenfalls zur Kampfunfähigkeit. (Augen, Kehlkopf – Lebensgefahr!)

Welche Kampfkünste beschäftigen sich mit Vitalpunkten?

Aufgrund der Relevanz von Nervendruck- und Vitalpunkten im Kampf, sind sie in jeder Kampfkunst wichtig und an irgendeiner Stelle Thema. Besonders bekannt ist das japanische Kyusho. Diese Methode stellt keine Kampfkunst für sich dar, sondern beschäftigt sich ausschließlich mit den empfindlichen Punkten des menschlichen Körpers und Kampfanwendungen.

Vergleichbare chinesische Systeme sind unter dem Begriff Dim Mak bekannt. Viele Mythen ranken sich um Schläge oder Schlagkombinationen, die augenblicklich oder erst nach Tagen und Wochen, auf wundersame Weise zum Tod führen. Es gibt die Theorie, dass Bruce Lee daran verstorben sein.

Du solltest dich als Kampfsportler, der sich in Notwehr erfolgreich wehren können will, allerdings nicht ausschließlich auf deine anatomischen Kenntnisse diverser Nervendruckpunkte verlassen. Das geht garantiert schief.

Vitalpunkte, Nervendruckpunkte im Kampf anwenden

Fantasten und Realisten. Was funktioniert, was nicht?

Wenn man sich in der Kampfkunstszene umsieht und auch nur etwas praktische Erfahrung mit dem Thema Kampf hat, merkt man schnell, wie sehr unrealistische und kindlich naive Vorstellungen verbreitet sind.

Ein Vollkontaktkampfsportler wird zu dem Thema oft ganz andere Vorstellungen vertreten, als so manch ein in die Theorie verliebter Kampfkünstler.

Der Gipfel der Kunst scheint aber erst dann erreicht, wenn eine Berührung des Gegners nicht mehr nötig ist, um ihn zu bewegen und K. o. zu schlagen. Hochrangige Meister dieser Künste werden mit einer gewissen Regelmäßigkeit von ignoranten Herausforderern verprügelt. Das ist dann oft auf You Tube zu bestaunen.

Einige sogenannte Dim Mak Meister behaupten, wenn sie bestimmte Vitalpunkte in der richtigen Reihenfolge, mit dem richtigen Druck berührten, könnten sie Knock Outs oder auch einen zeitverzögerten Tod des Getroffenen bewirken.

Tatsächlich soll schon so manch ein Opfer, einige Jahrzehnte danach im Altenbett verstorben sein. 😉

Ich halte davon gar nichts.

Nicht nur, dass es unmöglich ist in einer körperlichen Auseinandersetzung bestimmte Punkte, mit einem bestimmten Druck, in einer vorgegebenen Abfolge zur richtigen Zeit zu treffen. Die Wirkung wird hier maßlos überschätzt, sofern es sich nicht um klassische K. o. Punkte handelt, die auch nur ein mal mit der nötigen Wucht getroffen werden müssen.

In dem Video werden unrealistische Techniken einem Realitätscheck unterzogen:

Es gibt aber auch Polizisten und Sicherheitskräfte, die sich dem Thema Vital und Nervendruckpunkte in Theorie und Praxis widmen. Unter ihnen gibt es so manchen Experten, der nicht nur den Unterschied zwischen Theorie und Praxis kennt, sondern auch das Wissen um diese Punkte praktisch in realen Auseinandersetzungen anwenden kann.

Ab Minute 1:50 sieht man hier realistische Beispiele, wie Angriffe auf Nervendruck- und Vitalpunkte realistischerweise eingesetzt werden können. Ein weiteres Beispiel ist ab Minute 2:30 zu sehen. Das sind handfeste, in der Praxis bewährte Techniken die nichts mit Zauberei oder mythischen Kräften zu tun haben. An dem schmerzverzerrten Gesicht des Probanden kannst du deutlich erkennen, wie der richtige Druck auf Nervendruckpunkte wirkt.

Das kann schon mit geringem Kraftaufwand erreicht werden.

Vitalpunkte-den Gegner schnell kampfunfähig machen?

Es ist zweifelsohne möglich den Gegner schnell kampfunfähig zu machen. In unterschiedlichsten Vollkontaktkampfsportarten kannst du jeden Tag beobachten, wie das passiert. Wird mit der nötigen Kraft auf die K. o. Punkte eingewirkt führt das binnen einiger Sekundenbruchteile zum sofortigen K. o. Mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit. Dazu benötigst du aber zumindest die Schlag- und Trittkraft eines gut trainierten Kampfsportlers oder Kampfkünstlers.

Angriffe auf sensible Stellen des menschlichen Körpers, die im sportlichen Wettkampf aus Sicherheitsgründen, nicht angegriffen werden dürfen, können ebenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Kampfende führen. Der Hals und insbesondere der Kehlkopf sind besonders empfindliche Stellen.

Du solltest dir aber klar darüber sein, dass du nur in absoluten Notsituationen in der Selbstverteidigung solche Ziele angreifen solltest. Sonst kannst du dich nicht auf Notwehr berufen und du musst dich dann, vor deinem Gewissen und einem Strafgericht verantworten.

Einen aufgebrachten Kontrahenten durch Zufügen von Schmerzen alleine zum Kampfabbruch zu bringen, wird in den seltensten Fällen realistisch sein. Du kannst aber durch Einwirken auf Nervendruckpunkte Vorteile erzielen. Das Gleichgewicht deines Gegners kurzfristig zu brechen, wäre eine Möglichkeit. Dann solltest du aber wissen und trainiert haben diesen kurzfristigen Vorteil auszunutzen. Sonst hilft dir das gar nichts.

Die Probleme beim Einsatz von Nervendruckpunkten:

  • Niemand wird sich freiwillig in einem Kampf, an sensiblen Punkten seines Körpers treffen oder angreifen lassen.
  • Das Wissen um Nervendruck- und Vitalpunkte ist praktisch wertlos, wenn du nicht die nötigen Fähigkeiten hast, geschützt an diese Punkte heranzukommen.
  • Bei vielen Anwendern scheitert es an den kämpferischen Fähigkeiten. Es bedarf sehr viel Erfahrung das Wissen um Vitalpunkte, in einer körperlichen Auseinandersetzung, tatsächlich anwenden zu können.
  • Ein entsprechendes realistisches Training ist dafür Grundvoraussetzung.

Vitalpunkte mit der bloßen Hand angreifen

Viele unterschiedliche Handhaltungen und Arten eine Faust zu formen haben sich herausgebildet, um effektiv Vital- und Schmerzpunkte angreifen zu können. So wird beispielsweise im Karate unterschieden zwischen:

  • Shuto: Handkante
  • Ippon Ken:
  • Nukite: Der Speerhand

Diese Handhaltungen sind praktisch anwendbar und helfen mit dem nötigen Training, die Schmerz-, Nervendruck- und Vitalpunkte eines Angreifers effektiv zu erreichen. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass viel Training notwendig ist, um diese Techniken auch praktisch umsetzen zu können.

Sonst fallen sie in die Kategorie, wirkungsloser Selbstverteidigungstricks und erzeugen nur die Illusion von Wehrhaftigkeit und das ist gefährlich.

Vitalpunkte gezielt angreifen mit Hilfsmitteln und provisorischen Waffen

Einfache Gegenstände können eine große Hilfe sein, effektiver auf Schmerz- und Vitalpunkte einzuwirken. Eine traditionelle Waffe ist der Kubotan. Es handelt sich dabei um einen kurzen Stift aus Metall, Holz oder Kunststoff, der nur einige Zentimeter länger als Handbreite ist. Er kann sehr effektiv als Schlagkraftverstärker und um auf Nervendruckpunkte einzuwirken, eingesetzt werden. Die relativ kleine, je nach Modell stumpfere oder spitzere Ausführung des Kubotans, erlaubt es viel Energie auf einer kleinen Fläche zu übertragen.

Kubotan - self defence stick

Als Alternative zum Kubotan, kannst du auch einen Kugelschreiber oder Schlüssel einsetzen. Mit diesen improvisierten Waffen kannst du mit relativ geringem Kraftaufwand große Wirkung erzielen. Bitte einen Freund dich zu greifen und wirke zunächst mal relativ sanft mit einem Kubotan auf die greifende Hand ein. Ihr werdet beide über die Wirkung überrascht sein.

Mehr zum Thema Kubotan und dessen Einsatzmöglichkeiten erfährst du unter: Selbstverteidigung mit dem Kubotan.