Wie boxe ich gegen größere Gegner?

Klein vs. Groß: Wie boxe ich gegen einen größeren Gegner?

Eine grundlegende Herausforderung für jeden Kampfsportler, ist es seinen persönlichen Stil zu finden und gegebenenfalls an seinen Gegner anzupassen. Jeder von uns kommt mit anderen Voraussetzungen auf die Welt. Groß, klein, kräftig oder eher der ausdauernde Typ?

Manche sind mit herausragenden Reflexen und einer von Natur aus hohen Schlag -, Schnell– und Explosivkraft gesegnet. Andere müssen hart arbeiten, um diesbezüglich auch nur durchschnittliche Ergebnisse zu erzielen.

Um erfolgreich gegen einen größeren Boxer zu kämpfen, musst du die Distanz dominieren. Lasse den Gegner darüber im Unklaren, bewege dich an der Grenze seiner Schlagdistanz, schließe die Distanz schnell. Nutze Finten, Meidbewegungen, Beinarbeit und ändere die Winkel in Angriff und Verteidigung.

Deontay Wilder ist ein Beispiel für jemanden, der mit extremer Schlagkraft ausgestattet ist und damit seine, für Weltklasseboxer nicht herausragenden boxerischen Fähigkeiten, bisher immer erfolgreich kompensieren konnte.

In diesem Beitrag sehen wir uns an, inwieweit sich Größen und Reichweitenunterschiede auf Stil und Taktik im Boxsport auswirken.

Die Vor- und Nachteile des kleineren Boxers:

Die Reichweite 

Das erste ganz offensichtliche Problem.

Der kleinere Mann muss, um treffen zu können, nahe ran. Er muss dabei die Schlagdistanz des Gegners überbrücken, ohne noch selbst treffen zu können. Es ist für ihn somit deutlich schwerer Treffer zu landen und er muss ein höheres Risiko eingehen als der größere Gegner. Der große Mann wird versuchen den kleinen Boxer auf Distanz zu halten und ihn zu treffen, ohne selbst getroffen werden zu können. Dazu wird er seinen Jab nutzen und seine Gerade mit der Schlaghand.

Jack Dempsey gegen Jess Willard. Dempsey lässt seinem viel größeren Gegner keinerlei Chance. Ein Klassiker.

Ein Nachteil, den eine größere Reichweite mit sich bringt ist, dass der gestreckte Arm einen längeren Weg und somit mehr Zeit braucht um wieder zurückgezogen zu werden. Der Zeitpunkt zu dem der gegnerische Arm gestreckt oder fast gestreckt ist, ist der den du nutzen solltest, um in die Nahdistanz zu kommen.

Der kleinere Mann hat also auch Vorteile, was die Reichweite angeht. Seine optimale Schlagdistanz befindet sich näher am Mann. Hier kann er nicht nur mitschlagen, sondern ist aufgrund seiner kürzeren Arme im Vorteil. Hier kann er Haken schlagen und Kopf und Körper bearbeiten, während dem größeren Gegner oft nur das Klammern bleibt.

Die Bedeutung des Jabs

Einer der häufigsten Fehler kleinerer Boxer ist es ihre Jab nicht genug einzusetzen. Wegen der ohnehin kürzeren Reichweite des kleineren Boxers, wird er von ihnen oft vernachlässigt. Dabei ist es wichtig mit der Führhand mitzuschlagen. Selbst wenn der kleiner Kämpfer nicht direkt treffen kann, so kann er die gegnerische Führhand damit stören. Beispielsweise indem er sie immer wieder antippt, berührt und stört. Siehe Tapper Jab.

Wie der kleinere Boxer seinen Jab effektiv einsetzen kann, wie Mike Tyson es tat, demonstriert hier US Boxtrainer Tom Yankello. Die Jabs werden aus Meidbewegungen heraus ausgeführt, während gleichzeitig die Distanz geschlossen wird. Auch und gerade der Jab zum Körper ist für den kleineren Boxer immer eine gute Option.

Ein von unten geschlagener Jab zum Kopf, oder der Deckung kann dazu eingesetzt werden den größeren Boxer „aufzurichten“. Im Idealfall dazu ihn in Rückenlage zu bringen und sein Gleichgewicht zu stören, um Folgeangriffe vorzubereiten.

Wie die Distanz schließen?

1. Meidbewegungen – Schrittarbeit

Um in die Schlagdistanz zu kommen, muss der kleinere Boxer durchgehend Meidbewegungen ausführen. Das auch schon außerhalb der Reichweite des Gegners, um diesen so gut als möglich unklar über die Distanz zu lassen. Wer Mike Tyson und Joe Frazier, zwei kleine Weltklasseboxer im Schwergewicht gesehen hat sieht, dass sie ständig in Bewegung sind und aktiv Meidbewegungen vollführen. Sie warten nicht passiv auf Angriffe, um diese zu meiden, sondern sie bleiben ständig in Bewegung und bieten kein festes Ziel.

Über Meidbewegungen und Schrittarbeit wird zudem ein vorteilhafter Winkel zum Gegner gesucht. Es geht darum die eigenen Hände optimal einsetzen zu können, während der Gegner gezwungen wird seine Position zu ändern, um wieder mitschlagen zu können.

2. Der Einsatz von Finten.

Über Finten und Fallen – du lässt eine Lücke offen und provozierst einen Angriff – kannst du den Gegner zu Aktionen und Reaktionen verleiten. Wenn es dir gelingt das gezielt einzusetzen, hast du einen zeitlichen Vorteil geschaffen und kannst reingehen.

3. Den Gegner über die Distanz im Unklaren lassen.

Über Bobbing and Weaving und Schrittarbeit kannst du das erreichen. Es ist äußerst unangenehm und irritierend, wenn sich der Gegner an der Grenze der eigenen Schlagdistanz bewegt. Wenn er es schafft kurz innerhalb und dann sofort wieder außerhalb der Distanz zu sein, gelingt es dir nicht deine Angriffe richtig zu timen. Könner ändern dann auch noch ihren Bewegungsrhythmus, um noch unberechenbarer zu werden. Mein kleiner persönlicher Alptraum.

Einer unter vielen. 😉

Welche Schläge bieten sich für den kleineren Boxer an?

Grundsätzlich sollte der kleine Mann, verstärkt den Körper bearbeiten. Dieser ist für ihn leichter zu erreichen als der Kopf des Gegners und zwingt diesen die Deckung runter zu nehmen. So kann der Kopf wiederum wirkungsvoller getroffen werden.

“Chop the body and the head will fall!” Boxerweisheit

Wechsel zwischen hohen und tiefen Angriffen sind hier klug. Wie oben schon ausgeführt, darf der kleine Boxer seinen Jab nicht vernachlässigen. Haken zu Körper und Kopf bieten sich für ihn, in der nahen und mittleren Distanz, ebenfalls an. Weiters ist die Overhand, ein Schlag über den Arm des anderen Boxers, eine gute Möglichkeit für den kleineren – den Kopf zu erreichen.

Klein gegen groß: Welche Strategien kommen zur Anwendung?

Das erklärte Ziel des kleineren Kämpfers muss es sein, in die eigene Schlagdistanz zu kommen, um dort zu „arbeiten“. Dazu nutzt er seine Beinarbeit, Meidbewegungen und Finten. Er versucht sich außerhalb der Schlagdistanz seines Gegners zu bewegen, um unvermittelt, überfallartig und schnell in die Schlagdistanz zu gehen. Dort gilt Kombinationen zu schlagen und wieder sicher aus der Distanz zu kommen. Es ist das bekannte „Rein – Raus“ Spiel. (Auf die Distanzen bezogen!!!) 😉

Muhammad Ali vs Joe Frazier

Hier kannst du alle beschriebenen Strategien im Einsatz sehen. Ebenso den weiter unten beschriebenen Gazelle Punch, den eingesprungenen (linken) Haken.

Der größere Boxer sollte versuchen, seinen kleineren Gegner „lange“ zu boxen. Ihn am Reingehen hindern und gleichzeitig in der eigenen Schlagdistanz zu halten. Gelingt ihm das, hat der kleine keinen Spaß, soviel ist sicher. Dazu nutzt der größere Boxer seine Führhand und die Gerade mit der Schlaghand. Gelingt es dem kleineren Boxer näherzukommen, kann er versuchen ihn mit Aufwärtshaken aufzurichten und am Abtauchen zu hindern.

Clinchen: Eine weitere Strategie des größeren ist es seinen kleineren Gegner am Infight durch Clinchen zu hindern. Er kann seinen Gegner zusätzlich ermüden, indem er einen guten Teil seines Körpergewichts auf den kleineren verlagert. Für den kleineren – bieten sich Beinarbeit und Winkeländerungen an, um dem entgegenzuwirken.

Spezielle Techniken:

Check Hook – Infight vermeiden!

Diese Technik kann sowohl als Schlag, aber auch mit der Idee den Gegner, bzw. sich selbst von ihm wegzudrücken, ausgeführt werden. Du drehst dich dabei um den Ballen deines vorderen Fußes um ca. 45 Grad seitlich raus und schlägst dabei den Haken mit der Führhand. Für den größeren Boxer ist das eine Möglichkeit, seitlich weg aus der Distanz des kleineren angreifenden Boxers zu kommen. Im Video ab ca. 35 Sekunden siehst du Floyd Mayweather mit dem Check Hook ein Knock Out erzielen. Genau die gleiche Bewegung kann auch zum Rausdrücken aus der Distanz benutzt werden.

Rocky Marciano’s Gazelle Punch – Distanz schnell schließen!

Dabei handelt es sich um einen eingesprungenen linken Haken, den Rocky gegen größere Gegner zum Einsatz brachte. Er konnte damit sehr schnell die Distanz überbrücken und eine außergewöhnlich hohe Schlagkraft generieren.

Mike Tyson hat den Gazelle Punch ebenfalls eingesetzt.

Fazit

Die geringere Reichweite des kleineren Boxers kann mit den nötigen Fähigkeiten mehr als kompensiert werden. Das haben Mike Tyson, Joe Frazier, Rocky Marciano, Jack Dempsey und viele andere immer wieder bewiesen. Wir haben uns Strategien angesehen, wie du die Distanz schließen kannst, um an den Gegner ran zu kommen. Die gilt es zu üben. Wissen alleine ist zu wenig. Klug angelegtes Sparring, mit angemessener Intensität ist letztendlich das Mittel, um die nötigen Fähigkeiten zu entwickeln.

Das Zauberwort heißt hier Intensität. Die muss den Lernerfordernissen angepasst sein und darf anfangs nicht hoch sein. Nicht, wenn du Fähigkeiten entwickeln willst und versuchst neue Dinge umzusetzen. Überlebenskämpfe im Sparring wären hier völlig kontraproduktiv.

Im Kampf läuft es immer wieder darauf hinaus: Wer kann seinen Stil dem Gegner aufzwingen und so seine Stärken ausspielen?