Selbstverteidigung für Menschen mit Behinderung

Selbstverteidigung für Menschen mit Behinderung

Zugegeben als ich mich zum ersten Mal mit dem Thema Selbstverteidigung für Menschen mit Behinderungen beschäftigt habe, tat ich mir schwer das Thema ganz ernst zu nehmen. Das war aber falsch. Es ist aus vielerlei Gründen ein wichtiges Thema.

Selbstverteidigung für Behinderte setzt sich zusammen aus den Teilbereichen: Achtsamkeit im Alltag und Vermeidung unnötiger Risiken, im Vorfeld antrainierten Verhaltensmustern, die helfen aus Gefahr zu entkommen. Körperlicher Selbstverteidigung als allerletztes Mittel im Rahmen der Notwehr.

Ist Selbstverteidigungstraining für behinderte Menschen sinnvoll?

Eine grundlegende Betrachtung des Themas Selbstverteidigung

Wer sich ernsthaft mit dem Thema Selbstverteidigung beschäftigt, kommt schnell zu der Erkenntnis, dass das Eis hauchdünn ist. Garantien sich erfolgreich verteidigen zu können, gibt es schlicht und einfach nicht. Selbst sehr gut trainierte Leute können in Situationen kommen, die nicht bewältigbar sind.

Ich denke da an Angriffe aus dem Hinterhalt, mehrere Angreifer, bewaffnete Angreifer und Kombinationen davon. Manchmal kannst du einfach nur Pech haben.

Sicherheitsgarantien gibt es für niemanden!

Wie sieht es für Menschen mit Behinderungen aus?

Menschen mit Behinderungen fällt es, abhängig vom Grad ihrer Behinderung, naturgemäß noch schwerer sich erfolgreich zu wehren. Mit den richtigen Strategien und Taktiken können, für viele, jedoch überraschend gute Leistungen erreicht werden. Es ist also nicht aussichtslos oder sinnlos, sich als Behinderter mit dem Thema Selbstverteidigung auseinanderzusetzen.

Ganz abgesehen davon, dass es über den Selbstverteidigungsaspekt hinaus viele gute Gründe gibt sich mit dem Thema zu beschäftigen und aktiv ins Tun zu kommen.

Übergriffe und sexuelle Gewalt gegenüber Behinderten

Mit großem Erschrecken ist mir bei meinen Recherchen für diesen Beitrag bewusst geworden, dass gerade behinderte Menschen überdurchschnittlich oft Gewalterfahrungen machen und mit sexueller Gewalt konfrontiert werden.

„So zeigte sich, dass ein großer Teil der Frauen bereits in Kindheit und Jugend häufigeren und schwereren Übergriffen ausgesetzt waren als Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt. Außerdem waren sie zwei- bis dreimal häufiger sexuellem Missbrauch in Kindheit und Jugend ausgesetzt, gehörlose Frauen zu 52 %, blinde Frauen zu 40 %, psychisch kranke Frauen zu 36 % und körper-/mehrfachbehinderte Frauen zu 34 %.“

Quelle: gegen – missbrauch 

Was sexuelle Gewalt gegenüber Männern mit Behinderungen angeht, gibt es keine repräsentativen Untersuchungen. Es wird allerdings vermutet, dass hier die Dunkelziffer besonders hoch ist.

Gewalt spielt offenbar im Leben von Behinderten eine überdurchschnittlich große Rolle. Für einen unbedarften, normal denkenden Menschen kaum nachvollziehbar, da diese Übergriffe noch besonders niederträchtig sind.

Notwendigkeit der Selbstverteidigung für Menschen mit Behinderung

Aus der Faktenlage zeigt sich die Notwendigkeit, eines entsprechenden Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungstrainings, für behinderte Menschen. Dabei geht es nicht nur um die körperliche Selbstbehauptung, sondern auch um das Ziehen von Grenzen und eine selbstbewusste Grundhaltung, gegenüber potenziellen Tätern.

Selbstverteidigungskurse für Behinderte können folgende Funktionen erfüllen:

  • Selbstvertrauen stärken
  • die Wehrfähigkeit erhöhen
  • körperliches Training
  • soziale Kontakte
  • Abwechslung
  • Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten

Dabei ist es selbstverständlich das Ziel, die Fähigkeit sich körperlich zur Wehr setzten zu können, so gut als möglich zu entwickeln. Gelingt das aufgrund einer starken Behinderung in nur sehr bescheidenem Maße, ist das Training, sofern es gut gemacht wird, auf jeden Fall trotzdem zu empfehlen. Die positiven „Nebeneffekte“ werden ein solches Training trotzdem zu einem Erfolg machen.

Selbstverteidigung für Rollstuhlfahrer

Viele Rollstuhlfahrer sind mobil und bewegen sich mit nur relative geringen Einschränkungen in der Öffentlichkeit. Das führt auch immer wieder zu Übergriffen, Belästigungen oder Überfällen auf vermeintlich wehrlose Menschen.

Das ein solches Vorgehen noch niederträchtiger ist, als alten Damen die Handtasche zu klauen, scheint die Täter nicht zu stören. Für mich kaum nachvollziehbar. Hilfreich ist diese Erkenntnis leider nicht.

Rollstuhlfahrer die über keine Behinderung im Bereich des Oberkörpers verfügen, können sich mit dem entsprechenden Training, als durchaus wehrhaft erweisen. Am wirkungsvollsten kannst du agieren, wenn du noch zusätzlich den Überraschungseffekt auf deiner Seite hast.

Von Natur aus sind Rollstuhlfahrer auf Konter und eher defensives Verhalten angewiesen. Das bedeutet aber nicht, dass im Selbstverteidigungsfall, reine Abwehrtechniken ratsam sind. Aus der Verteidigung heraus, kannst und musst du im Notfall Schaden am Angreifer anrichten, um im Rahmen des Notwehrrechts, den Angriff abzuwenden und zu beenden.

Sonst bekommt der Angreifer ja die Möglichkeit, ungestraft so oft er will, seine Angriffsversuche zu starten.

Der wesentlichste Punkt in der Selbstverteidigung ist allerdings und das gilt für jeden, eine entsprechende Achtsamkeit im Vorfeld und ein daran angepasstes Alltagsverhalten.

Vermeide unnötige Risiken und höre auf dein Bauchgefühl.

Wenn du mehr darüber wissen willst sieh dir im verlinkten Beitrag die Erklärungen zum Cooper Code an.

Den Rollstuhl in allen Situationen beherrschen lernen

Als Rollstuhlfahrer solltest du ganz besonders üben mit dem Rollstuhl gut zu manövrieren. Dazu gehört beispielsweise bewusst einen Reifen zu blockieren, wenn die jemand von hinten anschiebt. So scheitert sein Vorhaben und du kannst ihn konfrontieren, anstatt ihn im Rücken zu haben.

Wenn möglich solltest du das Fallen und Umkippen mit dem Rollstuhl üben. Auf einem Mattenboden und mit einem Helfer und natürlich nur, wenn es dein Gesundheitszustand zulässt.

Der Rollstuhl kann im Falle des Falles, als Barriere und Hindernis, für einen Angreifer benutzt werden.

Welche Ziele angreifen?

Da der Angreifer sich zu dir nach unten bücken muss und du tiefer sitzt, bieten sich dir mehrere Vitalpunkte als Ziele an. Dazu gehören der Genitalbereich und der Oberkörper. Der Solar Plexus und die kurzen Rippen sind besonders empfindliche Punkte. Angriffe auf diese Stellen können dir helfen, den Angreifer in Vorlage zu bringen. Das bringt den Kopf, insbesondere Schläfen, Kinn und Augen in Reichweite.

Gelingt es dir den Angreifer in einen Handhebel zu bringen, hast du gute Chancen ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen oder schwer an der Hand zu verletzen, sodass er diese nicht mehr gegen dich einsetzen kann.

Techniken

Nutze die offene Hand zum Schlagen. Das verringert die Gefahr von Handverletzungen. Du kannst Schellen/Ohrfeigen und Stöße mit den Handballen verwenden. Schütze deinen Kopf, er ist ein naheliegendes Angriffsziel für Schläge und Tritte. Dazu eignet sich eine Art Doppeldeckung, wie sie Boxer nutzen oder der sogenannte Pensador, eine Schutzhaltung aus der Keysi Fighting Method.

Bedenke, dass mit Passivität allein nichts zu gewinnen ist, aber du kannst so aus einem relativ guten Eigenschutz heraus kontern. Ohne entsprechendes Training ist das aber für niemanden Umsetzbar. Diese Dinge müssen unter fachlicher Anleitung geübt werden, wie (fast) jede Fähigkeit die wir erlernen.

Eine Fähigkeit, die du üben solltest, ist die richtige Einschätzung von Entfernungen. Wann kann dich dein Gegenüber erreichen? Das lässt sich, leicht im Alltag mit Familien und Freundeskreis üben und ist eine sehr nützliche Fähigkeit, für den Ernstfall.

Welche Hilfsmittel oder Waffen sind empfehlenswert?

Der Alltagsgegenstand oder die Waffe, die du für den Notfall mit dir führst, muss folgende Kriterien erfüllen:

  1. Den gesetzlichen Vorgaben entsprechen: Das bedeutet, sie muss nicht nur legal zu besitzen, sondern auch legal in der Öffentlichkeit zu führen sein. Für Waffenverbotszonen gelten Sonderregelungen, die nicht überall gleich sind. Darum unbedingt vorher beim Gesetzgeber, bzw. der zuständigen Behörde schlau machen!
  2. Leicht kompakt und wirksam sein: Nur das Hilfsmittel bzw. die Waffe, die im Notfall tatsächlich verfügbar ist, ist dir von Nutzen. Kleine leichte Gegenstände führst du mit größerer Wahrscheinlichkeit regelmäßig mit dir.

Schrillalarm

Bei einem Schrillalarm handelt es sich um eine tragbare Miniatursirene, die du an dein Gewand, eine Tasche oder auch an einen Schlüsselbund hängen kannst. Das Gerät ist für jeden der die nötige geistige Reife besitzt zu empfehlen, wenn er Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit herstellen will.

Der Ton sollte mindestens 120 Dezibel laut sein. Für gewöhnlich wird der Alarm mittels herausziehbarem Metallstift ausgelöst. Das ist im Vorfeld durchaus sinnvoll zu üben.

Kubotan/Tactical Pen

Diese Geräte verstärken deine Schlagkraft und können dir sehr helfen dich, ohne großen Kraftaufwand, aus Griffen und Umklammerungen zu lösen. Es handelt sich dabei um Stifte aus Holz oder Metall,  etwa in der Größe eines Kugelschreibers oder geringfügig größer. Du kannst stattdessen auch einen gewöhnlichen Kugelschreiber oder einen ähnlichen Gegenstand nutzen.

Auch ein Handy eignet sich notfalls dafür, ist aber aus mehreren Gründen nicht optimal. Abgesehen vom Wert des Geräts ist es nicht spitz genug, um damit effektiv Griffe lösen zu können. Mit einem herkömmlichen Metallkugelschreiber hast du aber schon sehr gute Möglichkeiten.

Der Kubotan ist derzeit in Deutschland und Österreich, legal zu besitzen, zu führen und nicht als Waffe klassifiziert. In der Schweiz deutet ein Gerichtsurteil daraufhin, dass der Kubotan als ein verbotener Gegenstand eingestuft wird. Du kannst aber stattdessen einen Kugelschreiber mit dir führen und wirst damit keine Probleme haben.

Über Einsatzmöglichkeiten, Techniken und unterschiedliche Designs des Kubotans kannst du im Kubotan Guide nachlesen.

Tierabwehrspray

Tierabwehrsprays unterliegen in Deutschland und Österreich, weder Verkaufs-, Führ-, noch Besitzverboten. Im Falle einer Notwehr kannst du von ihnen Gebrauch machen. Wichtig ist, dass das Gerät für dich verfügbar ist und du den Umgang mit ihm erlernt hast. Es gibt eine Vielzahl von Modellen mit unterschiedlichen Auslöse- und Sprühmechanismen. Hier solltest du dir im Vorfeld die nötigen Gedanken über die Vor und Nachteile des jeweiligen Modells machen.

Alternativ kannst du gerne im Pfefferspray Guide nachlesen.

Alle hier empfohlenen Behelfswaffen sind sehr günstig erhältliche. Zusammen nach derzeitigen Preisen knapp um die 30 Euro. Ob und was du mit dir führst, liegt in deinem Ermessen. Einen guten stabilen Kugelschreiber ständig griffbereit zu haben, würde ich dir aus mehreren Gründen jedenfalls empfehlen. 😉

Selbstverteidigung für Sehbehinderte oder Blinde

Auch hier würde ich dir bzw. deinen Angehörigen einen entsprechenden Kurs empfehlen. Selbstverständlich ist es als Sehbehinderter, als jemand der Angriffe nicht kommen sieht, äußerst schwer sich gegen Schläge und Tritte zu verteidigen. Besteht allerdings Körperkontakt, so kann sich das Blatt dramatisch wenden. Wer gelernt hat seinen Tatsinn zu gebrauchen, kann entsprechendes Training vorausgesetzt, durchaus wehrhaft sein.

Fazit Selbstverteidigung für Menschen mit Behinderungen

Trotz des ernsten Hintergrunds und der häufig in der Realität vorkommenden Übergriffe auf Behinderte, sollte der Spaß am Training mit Gleichgesinnten im Vordergrund stehen. Es geht ja auch und oft vornehmlich darum, persönliche Grenzen  zu erweitern und mit körperlichem Training ein Stück, Selbstständigkeit und Selbstvertrauen dazuzugewinnen.

Aber:

Mit dem entsprechenden Training, wirst du egal wo du gerade stehst, deine Chancen und Möglichkeiten dich zu verteidigen, verbessern können.

PS:

Wer selbst Erfahrungen mit Kursen als Teilnehmer oder Trainer gemacht hat, oder seinen Standpunkt zum Thema hier darlegen möchte, ist herzlich eingeladen zu kommentieren oder eine Mail zu schicken.

Ich werde Anbieter entsprechender Kurse an dieser Stelle im Blog verlinken.

Für Veranstalter von gemeinnützigen Selbstverteidigungsworkshops für behinderte Menschen im Raum Graz, bin ich gerne bereit ehrenamtlich mitzuarbeiten, bzw. bei einer Veranstaltung zu helfen. Sendet mir einfach eine E Mail.